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Carsten Ugowski führte mit dem jungen Erwachsenen Marc (Name von der Redaktion geändert) ein Interview über dessen HIV- Infektion. Radio Tonkuhle sendete das Interview im Rahmen der Sendung Queerbeet.
 - Erst ist die Versuchung groß, den Kopf hängen zu lassen.
Carsten: Bei diesem Interview geht es um ein nicht ganz ein- fachen Thema; Es geht um HIV. Neben mir sitzt ein junger Mann, der im Rahmen des Interviews Marc heißen wird. (Der Name ist der Redaktion bekannt)
Hallo Marc, das Thema ist natürlich nicht einfach, aber du hast Dich bereit erklärt, das Interview zu machen und von Deiner Geschichte zu erzählen. Dafür hast Du meinen größten Respekt.
Wie hast Du von Deiner HIV Infektion erfahren?
Marc: Ich habe einen Test zur Überprüfung gemacht. Ich dachte, es sei wieder Zeit dafür. Dann bekam ich das erste positive Ergebnis. Und nach einem Gegentest das zweite. Danach stand es dann zweifelsfrei fest.
Carsten: Wie alt warst Du damals?
Marc: Ich war 17einhalb.
Carsten: Damit bist Du sehr jung. In diesem Alter so was zu Erfahren stelle ich mir nicht einfach vor. Wie bist Du damit umgegangen?
Marc: Das erste, was ich zu meinem Arzt gesagt habe war: „Ich bringe mich um!“ Daraufhin musste ich ihm versprechen, dass ich mir nichts antue, denn sonst würde er mich in die Psychiatrie einweisen. Später habe ich meinen damaligen Verlobten abgerufen. Er hat mir den Halt gegeben den ich in dem Moment gebraucht habe.
Carsten: Weißt Du, bei wem Du Dich angesteckt hast?
Marc: Nein, die Männer die in Frage kämen, haben mir immer wieder gesagt, sie seien negativ. Als ich ihnen sagte dass bei mir die Infektion festgestellt wurde sagten sie weiter, sie seien negativ. Bis heute weiß ich nicht, wie ich mich mit HIV infiziert habe. Es gibt keiner zu, oder derjenige weiß es selbst noch nicht.
Carsten: Das ist natürlich hart! Wie gehst Du heute damit um? Hast Du eine Beziehung?
Marc: Nein, habe ich leider nicht.
Carsten: Wie offen kannst Du mit Deiner HIV Infektion umgehen?
Marc: Verstecken bringt nix. Meine Freunde wissen es, meine Familie weiß es. Bis auf meine Großeltern und entfernte Verwandte.
Carsten: Du hast erwähnt dass dein damaliger Verlobter Dir den Halt gegeben hat den Du gebraucht hast. Wie bist Du von Deinem Arzt unterstützt worden? Gab es eine Art Kriesen-Intervention oder therapeutische Unterstützung, um mit dem Ergebnis umzugehen?
Marc: Nein gab es nicht. Allerdings habe ich es auch abgelehnt. Ich wollte damals nicht. Ich dachte, damit muss ich selber klar kommen. Mein Leben wurde schon oft durch fremde Leute negativ beeinflusst. Mittlerweile weiß ich, dass ich es nicht alleine schaffe. Ich gehe inzwischen anders an das Thema ran und werde mir therapeutische Hilfe suchen.
Carsten: Das kann sicherlich helfen. In diesem Alter so etwas zu erfahren ist bestimmt hart. Sich da Hilfe zu suchen ist nichts, wofür man sich in irgendeiner Weise schämen muss. Wie hat Deine Familie reagiert? Wie gehen sie heute damit um?
Marc: Mittlerweile gehen sie damit normal um. Sie sagen sich, dass es nicht zu ändern ist. Sie unterstützten mich sehr. Sie bezahlen die Fahrten nach Hannover in die Medizinische Hochschule.
Der erste Gedanke war natürlich: “Scheiße“ Meine Schwester ist in Tränen ausgebrochen, meine Mutter auch. Selbst mein Vater, der sonst keine Gefühle zeigen kann ging es sehr schlecht, so das er nicht arbeiten konnte.
 - Solidarität der Umwelt gibt Kraft, mit der Situation klarzukommen.
Carsten: Wie groß ist das Thema jetzt bzw. wird es oft zum Thema gemacht oder wird es eher beiseite geschoben. Spricht man nicht mehr darüber?
Marc: Man spricht schon noch darüber, gerade jetzt, wo ich mit der Trennung von meinem Verlobten nicht klar komme. Ich habe mittlerweile auch Suizid-Gedanken. Aber meine Mutter unterstützt mich sehr. Selbst wenn ich die Schule abbrechen sollte, die ich nicht schaffen werde weil es mir so schlecht geht, steht sie hinter mir. Sie unterstützten mich beide sehr, egal, was passiert.
Carsten: Das ist natürlich schon ein wichtiger Halt. Gerade in Deiner momentanen Situation. So lange weißt du es ja noch nicht. Da braucht man einfach noch ganz viel Unterstützung.
Marc: Ja, es hat mir im letzten Sommer die Ferien zerstört.
Carsten: Wie ist es jetzt mit der Behandlung und Therapie? Wie bist Du beraten worden? Was kommt in den nächsten Jahren auf Dich zu?
Marc: Ich bin soweit aufgeklärt, dass ich weiß: Wenn ich gesund lebe, werde ich 20 bis 30 Jahre ohne Medikamente leben können. Und mit Medikamenten kann ich noch steinalt werden.
Carsten: Was sind Deine Ängste wenn Du in die Zukunft schaust?
Marc: Dass ich deswegen vielleicht keinen Partner finde. Das muss ich meinem Ex hoch anrechnen. Denn er sagte immer, das sei für ihn kein Trennungsgrund. Was auch wirklich nicht der Grund für die Trennung war. Die meisten schreckt es halt ab wenn sie es erfahren.
Carsten: Wie schnell sagst Du es, wenn Du jemanden kennen lernst?
Marc: Das kommt immer auf die Person an, was ich denke wie schnell ich es jemanden zumuten kann und wie schnell ich vertrauen habe. Einem habe ich es z.B. zwei Tage nachdem wir zusammen gekommen sind gesagt. Ich hatte einfach das Gefühl, dass er mich nicht abweist. Was er auch nicht getan hat. Man sollte ja sowieso immer safer sex praktizieren. Somit ist die Gefahr nicht so groß, sich anzustecken.
Carsten: Wie sieht es bei Dir beruflich aus? Meinst Du, Du hast Nachteile, die Du ohne Deine HIV Infektion nicht hättest?
Marc: Nein, weil ich weiß, dass ich - wenn ich ein Gesundheitszeugnis brauche - kann ich zur MHH gehen und mir eins ausstellen lassen, in dem nichts drin steht. Weil es eben keine meldepflichtige Krankheit ist bzw. nur anonym.
Carsten: Also man muss es nicht offen legen?
Marc: Nein, muss man nicht.
Carsten: Was hast Du für Vorstellungen, was möchtest Du mal machen?
Marc: Ich bin jetzt auf einer kaufmännischen Berufsfachschule. Die ich allerdings nicht schaffen werde. Ich werde das Jahr wiederholen müssen. Danach muss ich mal sehen. Ich überlege, in den Großhandel zu gehen oder Immobilienkaufmann zu werden. Mein Traum, zur Bahn zu gehen, ist schon geplatzt.
Carsten: Wie ist Dein Eindruck von der Toleranz gegenüber Infizierten? Was sind Deine persönlichen Erfahrungen? Begegnet man Dir mit Ängsten oder wird es akzeptiert und toleriert?
Marc: Ich habe in meiner Familie und im Freundeskreis keine Ablehnung erfahren. Es hat mir niemand die Freundschaft gekündigt.
Carsten: Das ist natürlich ein großes Standbein, was Du damit hast. Was ich noch mal wichtig finde zu sagen: Die Therapien heute sind soweit entwickelt, dass man mit HIV leben kann und sehr alt werden kann. Es ist eben „nur“ noch eine chronische. Erkrankung. Was natürlich Deine Situation im Moment nicht relativieren soll. Im Gegenteil du hast meinen Respekt, das Du Dich für das Interview zu Verfügung gestellt hast. Ich wünsche Dir ganz viel Erfolg bei Allem, was Du vor hast und natürlich auch ganz viel Kraft für Alles, was noch vor Dir steht. Es wird sicher nicht immer einfach sein. Aber so wie ich Dich kennen gelernt habe, bin ich davon überzeugt, Du schaffst das.
Marc: Ich hoffe es. Danke.
© Carsten Ugowski, Redaktion Queerbeet
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