Schwuler Mann mit politisch linker Einstellung als Pfarrer auf dem Lande: Ein Widerspruch? Für Dietrich Kuessner auf keinen Fall! „Ich bin schwul geboren“, lautet seine verblüffende Erkenntnis und er erlebte somit auch kein Coming-out.
Geboren 1934, gelangt er mit seiner Familie auf der Flucht zum Kriegsende nach Niedersachsen. Später studiert Dietrich Theologie, anfangs mit offenen Berufsvorstellungen, und wird evangelischer Pfarrer in einer Landgemeinde bei Helmstedt. Zur Frage, wie er in Zeiten der Strafbarkeit von Homosexualität mit seinem Schwulsein umging, antwortet er mit unerschrockener Weltoffenheit: „Ich hab´s gelebt.“ Die Kontakte suchte er in Saunen, Parks, auf Partys. Trotzdem muss er – besonders als Pfarrer – darauf achten, dass sie im Verborgenen stattfinden: „Das war verboten, nach wie vor.“ Seine positive Interpretation der Bibel trägt dazu bei, die sexuelle Orientierung nicht als Problem wahrzunehmen.
Die vielseitige Arbeit in seinen 35 Jahren als Pfarrer erfüllt ihn mit großer Befriedigung. Er empfindet seinen Job als Berufung. Die Homosexualität, die sich im Dorf trotz aller Vorsicht herumspricht, stellt für ihn vordergründig kein Problem dar. Erst später, als sich zum Kirchentag 1977 die Gruppe „Homosexuelle und Kirche“ gründet, setzt er sein kirchen- und kommunalpolitisches Engagement für den Kampf zur Anerkennung schwuler Lebensweisen ein.
Er öffnet sein 13 Räume umfassendes Pfarrhaus als Ort für Begegnungen und Konferenzen von Jugend-, Kirchen- und Schwulengruppen. Dass bis 1989 hinter seinem Gartenzaun die Grenze zwischen Ost und West verlief, war für viele Besucherinnen und Besucher von besonderem Reiz.
Im Gespräch wird deutlich, dass Dietrich trotz aller Widrigkeiten der damaligen Zeit, selbstbewusst mit seinem Schwulsein umgeht: „Ich war immer dafür, dass man offen lebt!“ Interessanterweise eckt er mit seinem Engagement als politisch Linker bei der Landeskirche mehr an. Mehrere Verfahren können ihn allerdings nicht von seinem Pfarramt entfernen. Gleichmütig betont Dietrich: „Es ist ja nichts schöner als durchgestandene Konflikte.“
Seine politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen sind für einen evangelischen Pfarrer durchaus als progressiv zu verstehen. Demnach fordert er einen wesentlich offeneren Umgang der Kirche gegenüber der gesellschaftlichen Entwicklung der heutigen Zeit.
Nach seiner Pensionierung im Jahr 1999 zieht Dietrich nach Braunschweig um. Zudem besitzt er eine kleine Wohnung in Berlin, wo er sich gerne aufhält und viele Kontakte pflegt. Auch der Regionalgruppe von „Homosexuelle und Kirche“ ist er weiterhin eng verbunden. Sein weiteres Interessengebiet liegt in der kirchengeschichtlichen Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus, worin er mehrfach publizierte.
Trotz aller gesellschaftlichen Fortschritte im Umgang mit Homosexualität ist sich Dietrich sicher, dass das Schwulsein noch längst nicht anerkannt ist. So sieht er auch innerhalb der evangelischen Kirche großen Handlungsbedarf.